Spurhalteassistent nach Scheibenwechsel
Nach einem Frontscheibenwechsel meldet der Tester oft keinen Fehler. Alle Steuergeräte sind grün, keine DTCs, keine Warnlampen im Kombiinstrument. Trotzdem verhält sich der Spurhalteassistent, sowie andere Systeme auffällig. Das Fahrzeug hält die Spur nicht sauber, greift verspätet ein, es kommt zu Phantombremsungen oder noch schlimmer, es kommt zu Fehlfunktionen die zum Unfall führen.
In der Praxis ist das kein seltenes Phänomen und hat meist wenig mit defekter Sensorik zu tun, sondern mit Kalibrierung, Montage oder Umgebungsbedingungen.
Fahrassistenzsysteme haben die Aufgabe das Fahren sicherer zu machen, haben sie eine Fehlfunktion, so kann dies jedoch zum Gegenteil führen. Das Fatale, eine Fehlfunktion wird vom System nicht immer direkt als solche erkannt, sondern meist erst nach länger Fahrt. Dies kann zu schweren Unfällen führen.
Fehlerfrei im Tester nach Arbeiten am Fahrzeug heißt nicht funktionsfähig im Fahrbetrieb
Diagnosetester prüfen in erster Linie Fehlerspeicher und Kommunikationszustände. Eine Kamera für den Spurhalteassistenten kann elektrisch einwandfrei funktionieren, fehlerfrei sein und trotzdem falsche oder ungenaue Bilddaten liefern.
Typische Ursachen sind:
· Eine fehlende oder unvollständige Kalibrierung nach dem Scheibenwechsel
· Eine minimal veränderte Kameraposition durch Toleranzen in der Scheibenmontage
· Optische Beeinflussungen durch falsche Scheibe, Klebereste oder Halterungen
Kurz gesagt: Grün im Tester bedeutet nicht automatisch korrekte Umfelderkennung. Erst nach einer Probefahrt und dem Test der Systeme unter realen Bedingungen, kann sichergestellt werden, dass die Kamera ordnungsgemäß Funktioniert.
Kalibrierung ist kein „Kann“, sondern Pflicht
Alle Fahrerassistenzsysteme mit Frontkamera erfordern nach einem Scheibenwechsel eine statische und oder dynamische Kalibrierung. Schon geringe Abweichungen im Kamerawinkel oder in der Höhe verändern die Berechnung der Fahrspur.
Wichtige Praxispunkte:
· Für die statische Kalibrierung werden Hersteller- und Modellspezifische Kalibiertafeln benötigt
· Die Kalibrierung muss fahrzeugspezifisch erfolgen, inklusive korrekter Beladung und Reifendruck
· Der Untergrund muss eben sein, sonst verfälschen Höhenabweichungen die Referenz
· Kalibiertafeln müssen exakt positioniert werden, Millimeterabweichungen reichen für Fehlfunktionen
· Die Achsgeometrie muss richtig eingestellt sein
Wenn die Kalibrierung übersprungen oder ungenau durchgeführt wird, kann der Spurhalteassistent zwar aktiv sein, aber fehlerhaft regeln, was zu Unfällen führen kann!
Die Scheibe selbst kann das Kamerabild beeinflussen
Nicht jede Frontscheibe ist optisch identisch, auch wenn sie formal freigegeben ist. Unterschiede in Glasqualität, Beschichtung oder Halterungen können das Sichtfeld der Kamera verändern.
Relevante Faktoren aus der Werkstattpraxis:
· Verzerrungen im Kamerabereich durch minderwertiges Glas
· Falsche oder unpassende Kamerahalterungen
· Verschmutzungen, Kleberreste oder Schutzfolien im Sichtfeld
· Integrierte Heizdrähte oder Beschichtungen, die Kontrast und Bildqualität beeinflussen
Das Steuergerät erkennt in solchen Fällen oft keinen klassischen Fehler, verarbeitet aber suboptimale Bildinformationen.
Probefahrt und Sichtprüfung sind entscheidend
Nach Arbeiten an Frontscheibe oder Umfeldkameras reicht das Löschen der Fehler nicht aus. Eine Kalibrierung nach Herstellerangaben und eine Funktionsprüfung ist in der Praxis unerlässlich.
Empfohlen sind:
· Sichtprüfung des Kamerabereichs von innen und außen
· Durchführung der Kalibrierung nach Herstellervorgabe
· Dokumentierung der Kalibrierung
· Probefahrt mit aktivem Spurhalteassistenten unter realen Fahrbedingungen
Erst das Zusammenspiel aus Diagnose, Reparatur, Kalibrierung und Praxistest zeigt, ob das System wirklich korrekt arbeitet.
Fazit für die Werkstattpraxis
Ein fehlerfreier Tester nach dem Scheibenwechsel ist kein Garant für korrekt arbeitende Assistenzsysteme. Gerade beim Spurhalteassistenten können kleine Abweichungen große Auswirkungen haben, ohne dass direkt ein Fehlercode gesetzt wird.
Wer sich nicht nur auf „alles grün“ verlässt, sondern Kalibrierung und Probefahrt ernst nimmt, vermeidet Reklamationen und erhöht die funktionale Sicherheit für den Kunden.
